
Nordrhein-Westfalen: 200 Millionen für KI gegen Krebs
Nordrhein-Westfalen legt ein ungewöhnlich großes Forschungsprogramm auf: Mit 200 Mio. Euro will das Land seine sieben Universitätskliniken und die TU Dortmund zu einem KI-Netzwerk für die Krebsmedizin verbinden. Die Summe gehört damit zu den größten thematischen Forschungsinvestitionen eines einzelnen Bundeslandes.
Nordrhein-Westfalen macht im Kampf gegen Krebs einen ungewöhnlich großen finanziellen Aufschlag. Das Land stellt 200 Millionen Euro für das neue Netzwerk AI4CancerCure.NRW bereit. Am 4. September gaben Ministerpräsident Hendrik Wüst und Wissenschaftsministerin Ina Brandes in Düsseldorf den Startschuss für das standortübergreifende Forschungsprogramm. Beteiligt sind die Universitätskliniken in Aachen, Bochum, Bonn, Düsseldorf, Essen, Köln und Münster sowie die TU Dortmund.
Das Ziel ist weit gefasst: Künstliche Intelligenz soll entlang der gesamten onkologischen Wertschöpfungskette eingesetzt werden – von der Krebsbiologie über datengetriebenes Wirkstoffdesign und Bildgebung bis zu Prävention, Früherkennung und personalisierter Therapie. Dazu soll eine gemeinsame digitale Forschungsinfrastruktur entstehen, über die Daten und Algorithmen standortübergreifend genutzt werden können.
Damit setzt NRW nicht einfach auf weitere einzelne Forschungsprojekte. Das Land versucht, aus der räumlichen Stärke seiner Universitätsmedizin eine gemeinsame Forschungsplattform zu machen. Die Größenordnung der Förderung unterstreicht den strategischen Anspruch.
200 Millionen Euro sind eine Ansage
Wie groß die Summe tatsächlich ist, zeigt ein Blick auf vergleichbare Investitionen anderer Länder. Baden-Württemberg stellte 2023 rund 84 Millionen Euro für Bau und Erstausstattung des NCT SüdWest in Tübingen und Ulm bereit. Der neue Verbund ist Teil der Erweiterung des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen, dessen sechs Standorte künftig gemeinsam von Bund und Ländern finanziert werden.
Schleswig-Holstein investiert derzeit rund 150 Millionen Euro in zwei neue Forschungszentren an der Universität Kiel. Die Einrichtungen sollen die biomedizinische und klinische Forschung am Standort stärken.
Und auch NRW selbst setzt mit seinem neuen Infrastrukturprogramm Maßstäbe. Aus dem insgesamt 2,3 Mrd. Euro umfassenden Topf für Hochschulen, Forschung, Lehre und Transfer fließen bis zu 180 Mio. Euro in ein neues KI-Center an der RWTH Aachen. Weitere 113 Mio. Euro sind für die Modernisierung der Physik an der Universität Bonn vorgesehen.
Die 200 Millionen Euro für AI4CancerCure sind damit zwar nicht die größte Forschungsinvestition eines Bundeslandes überhaupt. Für ein einzelnes, klar definiertes Forschungsfeld sind sie jedoch bemerkenswert. Zumal es sich nicht um einen einzelnen Forschungsbau handelt, sondern um ein Netzwerk aus mehreren Universitätskliniken und einer Technischen Universität.
Im Vergleich mit Bayern, das sich bekanntermaßen gerne an der Weltspitze jedweder Bewegung sieht, wird deutlich, dass NRW hier einmal kräftig auf den Putz haut.
Kein vergleichbarer Fall: TRON in Mainz
Ein scheinbar naheliegender Vergleich führt nach Rheinland-Pfalz. 2022 kündigte die Landesregierung ebenfalls „200 Millionen Euro“ für das Mainzer Forschungsinstitut TRON an. Bei genauerem Hinsehen handelt es sich jedoch um einen anderen Mechanismus. TRON hatte nach Angaben der Landesregierung aufgrund von Auftragsforschung und Lizenzeinnahmen mehr als 200 Millionen Euro erwirtschaftet. Dieses Geld sollte vollständig wieder in Forschung und Forschungsinfrastruktur in Mainz investiert werden. Die ursprüngliche Landesförderung für TRON hatte dagegen bei rund 13 Millionen Euro gelegen.
Das Beispiel zeigt zugleich, welchen Hebel Landespolitik mit vergleichsweise kleinen Anschubfinanzierungen erzeugen kann. Im Fall von TRON verweist Rheinland-Pfalz auf die Verbindung von öffentlicher Förderung, universitärer Forschung, Ausgründung und wirtschaftlicher Verwertung. Bei AI4CancerCure geht NRW nun einen anderen Weg: Hier wird von Beginn an massiv in eine landesweite Forschungsinfrastruktur investiert.
Vom Forschungsverbund zur Wirkstoffpipeline
Spannend ist dabei vor allem die Nähe zur Arzneimittelentwicklung. In Bonn etwa stehen 25 Millionen Euro zur Verfügung, um KI-gestütztes Wirkstoffdesign mit experimenteller Forschung zu verbinden. Geplant sind unter anderem neue KI-Modelle, GPU-Infrastruktur sowie automatisierte Verfahren zur Herstellung und Prüfung von Antikörpern, Miniproteinen, Peptiden und kleinen Molekülen.
In Essen fließen 32,5 Millionen Euro in die dortige Universitätsmedizin. Münster erhält ebenfalls 25 Millionen Euro für ein neues PRECISION.AI-Oncology-Zentrum.
Damit könnte AI4CancerCure für die Pharma- und Biotechbranche interessanter werden als ein klassisches Forschungsprogramm. Denn die Initiative verbindet nicht nur klinische Daten und KI, sondern ausdrücklich auch Wirkstoffentwicklung, Diagnostik und Translation. Das Land will Forschungsergebnisse schneller in Produkte, Ausgründungen und Kooperationen mit der Gesundheitswirtschaft überführen.
Sieben Universitätskliniken in NRW decken einen großen Teil der onkologischen Expertise des Landes ab, die TU Dortmund bringt zusätzliche KI- und Datenkompetenz ein. Die Investitionen können zudem auf den bestehenden Datenintegrations- und Forschungsstrukturen der Standorte aufbauen.
NRW nutzt damit einen Trend, den auch andere Länder und der Bund verfolgen: Gesundheitsdaten, KI und translationale Forschung werden zunehmend nicht mehr als getrennte Infrastrukturthemen betrachtet. Der Unterschied ist die Größenordnung. Mit 200 Millionen Euro versucht Nordrhein-Westfalen, daraus ein landesweites onkologisches Ökosystem zu bauen. Das war auch der Ansatz des bayerischen Krebsforschungszentrums, das gar kein Zentrum im Sinne eines Deutschen Krebsforschungszentrums wie in Heidelberg werden sollte, sondern eine Verbindungsebene der bayerischen onkologischen Forschungszentren.
Im Vergleich: Krebsforschungszentrum in Bayern ohne finanziellen Wumms
In Bayern hatten nicht zuletzt einzelne Pilotprojekte wie DigiMed und DigiOnco auch schon gezeigt, dass der wesentliche Hebel zur Translation von Forschungserkenntnis in bessere Patientenversorgung die barrierefreie Nutzung von klinischen Patientendaten und ihre Verknüpfung mit den Omics-Diagnostiktools sowie Analysemethoden der KI-Welten sein werden. Die größten Hindernisse in Bayern stellte daher weniger die Forschung dar, sondern die Weitergabe von Daten (Landesdatenschutz versus Bundesdatenschutz versus europäischer oder globaler Datennutzung) und die Hoheit über diese Daten.
Eine andere Lehre aus Bayern könnte sein, dass mit zu kleinen Budgets die hohe Forschungsgeschwindigkeit nicht mitgegangen werden kann, sondern sich sogenannte Förderprogramme eher als Hemmnis erweisen können.
Das Bayerische Zentrum für Krebsforschung (BZKF) wurde 2019 gegründet und umfasst die sechs bayerischen Universitätsklinika in Augsburg, Erlangen, München (LMU und TUM), Regensburg und Würzburg. Der Freistaat finanzierte den Verbund mit einer äußerst knappen Anschubfinanzierung von unter 10 Mio. Euro im ersten Jahr 2020 (exakt 7,2 Mio. Euro). In den Folgejahren erhöhte sich diese pro Jahr nicht wirklich merklich (2022: 10,8 Mio. Euro Förderung, 2024: 15 Mio. Euro Förderung). Dabei hatte das ursprüngliche BZKF-Konzept für den Vollbetrieb langfristig einen Finanzbedarf von 45 bis 60 Mio. Euro jährlich kalkuliert.
In Nordrhein-Westfalen setzt man nun mit einem Schlag auf eine größere Wirkung und damit auch eine größere Motivationsenergie für die Forscher und Mitwirkenden. Für die deutsche Biotech- und Pharmaszene könnte das deshalb mehr sein als ein weiteres Förderprogramm bei der sich eine „Beutegemeinschaft“ einige Jahre beschäftigt sieht und dann weiterzieht: Wenn die Vernetzung gelingt, entsteht eine öffentlich finanzierte Forschungsplattform, auf der neue Targets, Wirkstoffkandidaten, Diagnostikverfahren und KI-Modelle entstehen können – und damit potenziell auch neue Ausgründungen und Industriekooperationen. Die zeitgleiche Eröffnung eines runderneuerten Zentrums für die Wirkstoffforschung in Dortmund schürt die Hoffnung, dass man in NRW aus einer Phase des Nachdenkens nun wieder zum Handeln zurückkehrt.

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